KURZBIOGRAPHIE

Frank Correl, früher Dieter Hans Cohn
Besuchsprogramm 2006
1929 – 2021
Besuchte Schule: Hassel-Realschule im Oederweg

Schwester: Ellen Lehner, geb. Cohn
Besuchsprogramm 2009
1930-2020
Besuchte Schule: Anna-Schmidt-Schule

Teilnahme der Geschwister an einem Kindertransport nach Großbritannien am 10. August 1939
1943 Weiterwanderung in die USA

Eltern:
Siegfried Fritz Cohn
1888-1952
November 1938 Emigration nach Südafrika über Großbritannien, 1939 Mozambik, 1941 USA
Else Cohn, geb. Ziegenmeyer
1894-1973
1940 Emigration nach Mozambik, 1941 USA

Wohnadresse:
Fürstenbergerstraße 45

Geschäftsadresse:
Konfectionshaus D. Cohn, ab 1933 Wagner& Schloetel, Zeil 109


Quellen:

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW)
Datenbank „Deportierte Juden aus Frankfurt am Main“, Jüdisches Museum Frankfurt, Texte: zeitsprung. Kontor für Geschichte, Frankfurt am Main.

Gespräch von Frank Correl in der Ernst Reuter-Schule 1 in Frankfurt am 14. Juni 2006, Lehrerin: Birgit Ausbüttel

Bericht von Frank Correl über seinen Besuch in Frankfurt im Juni 2006
Fragebogen von Frank Correl und Korrespondenz mit Regine Wolfart und Angelika Rieber.

Informationen Hans-Peter Klein

Private Fotos und Dokumente der Familie Correl

Fotos vom Besuch in Frankfurt: Angelika Rieber

Kurt Schäfer: Schulen und Schulpolitik in Frankfurt am Main 1900-1945, Frankfurt 1994.

Ingrid Fuchs: „Wir haben keinerlei Kompromisse geschlossen“. Käthe Heisterbergk und die Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt während der Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt 2018.

Angelika Rieber u.a. (Hrsg.) Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main – Lebenswege geretteter Kinder, Frankfurt 2018.

Text und Recherchen: Angelika Rieber

Frank und Ellen Correl

The journey of a lifetime

Angelika Rieber

Gerne wären Frank Correl und seine Schwester Ellen noch einmal nach Frankfurt gekommen zur Einweihung des Denkmals zur Erinnerung an die Kindertransporte, mit denen tausende Kinder, so auch die beiden Geschwister, gerettet werden konnten. Dieses Wiedersehen mit ihrer Geburtsstadt war ihnen nicht mehr vergönnt. Ellen Lehner starb im November 2020, ihr Bruder Frank wenige Wochen später im Januar 2021.

Die Geschwister hatten – allerdings getrennt voneinander – 2006 und 2009 am Besuchsprogramm der Stadt Frankfurt teilgenommen. Voller neuer Eindrücke kehrte Frank Correl damals von dem Besuch in Frankfurt zurück und berichtete darüber Freunden und Bekannten. Deren neugieriges Interesse veranlasste ihn, seine vielfältigen und bewegenden Erfahrungen in einem ausführlichen persönlichen Bericht festzuhalten, der an vielen Stellen einfließen wird und als Anhang zu finden ist.

„Mischlinge 1. Grades“

Dieter Hans Cohn wurde am 3. Januar 1929 in Frankfurt geboren, seine Schwester Ellen ein Jahr später. Die Familie lebte zunächst in der Gervinusstraße, später in der Fürstenbergerstraße im Frankfurter Nordend.

Ihr zuvor unbeschwertes Leben wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zunehmend eingeschränkt. Die beiden Geschwister wurden zu „Mischlingen 1. Grades“ deklariert, denn ihre Mutter war Christin, „Arierin“ in der Sprache der neuen Machthaber.

Als Dieter Hans 1935 in die Schule kam, ging er zunächst in die in der Nähe gelegene Holzhausenschule. Dort wurde er in eine eigens eingerichtete jüdische Sonderklasse eingeteilt, weshalb sich die Eltern ein Jahr später entschlossen, den Jungen auf eine Privatschule zu schicken, in die Hassel-Realschule im Oeder Weg 56. Dort befand er sich in guter Gesellschaft, denn der Physiker Philipp Reis und der Dichter Friedrich Stoltze hatten dort einst die Schulbank gedrückt. Viele „Nichtarier“, vor allem „Mischlinge“ und Christen jüdischer Herkunft, besuchten Privatschulen, da der Anteil von jüdischen Kindern an weiterführenden Schulen den Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprechend auf 1,5 % beschränkt wurde.

Besonders intensiv erinnerte sich Frank an einen Lehrer, Otto Rüb, der 1933 aus dem staatlichen Schuldienst entlassen worden war, weil er den Kommunisten nahe stand. Zwei Jahre später erhielt Rüb jedoch die Erlaubnis, wenigstens in Privatschulen unterrichten zu können. Nach dem Krieg wurde Rüb Schulleiter in Frankfurt, von einer kurzen Unterbrechung abgesehen, als er wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ wieder entlassen wurde. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Aufgrund zahlreicher Eingaben von Eltern, Kollegen und der Schulbehörde wurde er jedoch ein Jahr später wieder eingesetzt.

Vor seinem Besuch in Frankfurt hatte sich Frank Correl an Regine Wolfart, eine Mitarbeiterin des Projektes Jüdisches Leben in Frankfurt gewandt und nach Informationen über die Hassel-Realschule gefragt. Tatsächlich konnte sie im Stadtarchiv fündig werden und gab ihm einen Stapel von Kopien zur Geschichte der Schule. Mit größtem Interessen verschlang Frank die zahlreichen Dokumente. Sein besonderes Interesse fand die Schulzeitung, mit der viele Erinnerungen zurückkamen, zum Beispiel daran, dass sie zu Hitlers Geburtstag am 20. April 1939 in das Kino des UFA-Palastes am Eschenheimer Turm gehen mussten. Dort sahen sie einen Film über die Schlacht von Tannenberg und die Masurischen Seen. Da kurz vorher die Nationalsozialisten die Tschechslowakei überfallen und Memel besetzt hatten, sollten solche Filme den Anspruch auf diese Gebiete und damit auch die völkerrechtswidrigen Übergriffe legitimieren.

Frank Correl erläuft sich bei seinem Besuch in Frankfurt seine Geburtsstadt überwiegend zu Fuß und sucht die Orte seiner Kindheit auf. Dazu gehörte der Eschenheimer Turm, der damals die ganze Umgebung dominierte. „My favorite Frankfurt Landmark“. Die den Turm umgebenden Anlagen nutzte die Schule als außerschulischen Lernort. „I recall traversing them often as a child and being marched there from school with my botanic class to study the trees.“ (S. 4) Das Gebäude der Schule ist jedoch nicht mehr vorhanden.

Seine Schwester Ellen besuchte die private Mädchenschule Anna-Schmidt, die 1936 einen hohen Anteil von 23,5 % an „nichtarischen“ Schülerinnen aufwies (Schäfer: 350). Damals befand sich die Schule am Blitterdorffplatz. Ihren Besuch in Frankfurt 2009 nutzte Ellen Lehner zu einem Gespräch mit Jugendlichen in der Anna-Schmidt-Schule, begleitet von Elisabeth Reinhuber, die ebenso wie ihre jüngere Schwester Agathe dort Schülerin war (siehe Biographie von Elisabeth Reinhuber). Agathe Calvelli-Adorno und Ellen Cohn gingen sogar in dieselbe Klasse.

Elisabeth Reinhuber hatte sich bei der Schule engagiert für das Zeitzeugengespräch eingesetzt: „Sie wissen sicher, dass die damalige Direktorin, Käthe Heisterbergk, sich nach 1933 außerordentlich mutig zeigte und jüdische Kindern und solche mit jüdischen Vorfahren in ihre Schule aufnahm und beschützte. Die Anna-Schmidt-Schule war in der dunkeln Zeit eine Art Fluchtburg, auf die Sie stolz sein könnten.“ (Mail von Elisabeth Reinhuber an die Schule vom 19.4.2009)

Aus der Ferne in die Mainmetropole

Die Mutter der beiden Geschwister, Else Elise Ziegenmeyer, war in Hildesheim geboren, der Vater Siegfried Fritz Cohn in Frankfurt. Aus dem fernen Neustadt an der Pinne, im heutigen Polen gelegen, war der Großvater David Cohn nach Frankfurt gekommen, die Großmutter Bertha Kaufmann stammte aus Melsungen in Nordhessen. Die beiden Schwestern von Fritz Cohn wohnten ganz in der Nähe, weshalb sich Dieter Hans an sie und ihr weiteres Schicksal gut erinnerte. Tante Martha war mit Felix Ochs, einem Bergbauingenieur, verheiratet, der bei der Metallgesellschaft arbeitete. Im Gedächtnis haften geblieben ist Frank die Bar Mitzwa seiner beiden Cousins, der Zwillingsbrüder Stefan und Richard Ochs, 1935 in Frankfurt. So war dem früheren Frankfurter nicht nur wichtig, die Wohnung in der Fürstenbergerstraße, wo er aufgewachsen war, aufzusuchen, sondern er schloss auch das Haus der Tante Martha in der Grillparzerstraße in der Nähe des Dornbusch in ein weiteres „walking event“ ein. Besonders lebhafte Erinnerungen hatte Frank an den ausgedehnten Garten dort.

Von der Grillparzerstraße aus liefen Hanne und Frank auf ihrem Rückweg zum Hotel zur Holzhausenschule, die der kleine Dieter Hans besucht hatte, bevor er ein Jahr später zur Hassel-Real-Schule im Oeder Weg wechselte. Sie passierten die Fürstenbergerstraße und das imposante Gebäude der IG Farben, heute Universität.

Tante Gertrud, die zweite Schwester von Fritz Cohn, war mit Richard Purwin verheiratet und lebte in Kronberg. Dort waren die Cohns im Sommer oft zu Besuch, weshalb es Frank während seines Aufenthalts in Frankfurt ein Anliegen war, den Ort aufzusuchen, an dem er „idyllic summers“ verbrachte, bis die Purwins 1934 Deutschland verließen. Zusammen mit seiner Frau erkundete Frank den Ort am Taunusrand, erinnerte sich, dass er von dort den Zeppelin gesehen hatte, wanderte nach Königstein, „another town of happy memories“, und genoss die wunderbare Aussicht auf Kronberg und die Rhein-Main-Ebene und auf die eindrucksvollen Burgruinen von Falkenstein und Königstein.

Der Großvater David Cohn starb 1927 in Frankfurt, bevor Dieter Hans das Licht der Welt erblickte. Dass der Besuch des Grabes auf dem jüdischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße für ihn eine große Bedeutung hatte, konnte man schon daran ablesen, dass er schon vor dem Besuch in Frankfurt den Wunsch äußerte, das Grab aufzusuchen.

Bekleidungshaus Wagener & Schlötel, Zeil 109

Dieter Hans und Ellen wuchsen zunächst ohne materielle Sorgen auf. Der Vater war Textilkaufmann eines selbständigen Unternehmens, des Damenkonfektionshauses D. Cohn jr. auf der Zeil 109 mit etwa 300 Beschäftigten, das der Großvater David Cohn gegründet hatte und nun gemeinsam von Fritz Cohn und seinem Schwager Richard Purwin geleitet wurde.

Nachdem Fritz Cohn im April 1933 einige Tage inhaftiert worden war und sich sein Schwager Richard Purwin aufgrund der Drohungen gezwungen sah, die Firma zu verlassen und auszuwandern, schloss sich der Unternehmer mit einem „arischen“ Partner zusammen, mit Karl Stier, und wurde Teilhaber einer Firma, die sich nun, möglicherweise aus pragmatischen Gründen, Wagener & Schlötel nannte. „This also became the new, more ´acceptable` name of our store. Ironically, the wife of Gauleiter Sprenger was a good customer.“

Fritz Cohn engagierte sich auch für soziale Fragen. Frank erinnerte sich an die langen Schlangen von Arbeitslosen, die auf Gutscheine für eine warme Mahlzeit warteten, die der Unternehmer ihnen aushändigte. Solche Hilfsaktionen sollten die Folgen der verheerenden wirtschaftlichen Depression ein wenig mildern.

1938 musste sich Fritz Cohn dem zunehmenden Arisierungsdruck der Nationalsozialisten beugen, verkaufte seinen Anteil an seinen Geschäftspartner und bereitete die Auswanderung vor. Im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Mitinhabern, die teilweise nicht nur von den NS-Behörden, sondern auch von ihren Geschäftspartnern oder der DAF zum Teil massiv bedrängt und teilweise auch betrogen wurden, konnten sich die beiden Inhaber fair und gütlich einigen.

Doch die Hoffnung auf einen Neuanfang im Ausland wurde durch die „Sicherungsanordnung“ zerstört, mit der die Familie nicht mehr frei über ihr Vermögen verfügen konnte. Laut Schreiben der Zollfahndungsstelle vom 15. September 1938 sei diese Maßnahme notwendig, „weil kein Zweifel darüber bestehen kann, dass Cohn auswandern will, da er auch am 1. Oktober seine Wohnung aufgibt und nach den Angaben seiner Frau nur einige Zimmer bei einem hiesigen Verwandten beziehen will“. Else und Fritz waren nach dem Verkauf ihres Hauses im März 1938 mit ihren beiden Kindern vorübergehend zu Martha und Felix Ochs in die Grillparzerstraße gezogen. Der Versuch von Fritz Cohn und Felix Ochs, wenigstens einen Teil des Vermögens durch einen Industrietransfer über ein Darlehen zu retten, scheiterte an der mangelnden Seriosität ihres Vertragspartners Adolf Kämpfer, der zudem mit handfesten Drohungen operierte und mit seinen guten Beziehungen zum Reichswirtschaftsministerium argumentierte. Wenn der Vertrag nicht zustande käme, so Kämpfer, würde sich dies zum Schaden der deutschen Volkswirtschaft auswirken und könnte unangenehme Folgen für die beiden Familien haben. Die Auseinandersetzungen führten zu einer monatelangen gerichtlichen Auseinandersetzung und endete mit einem verlustreichen Vergleich. (HHStAW 474/3 191)

Novemberpogrom

In der Grillparzerstraße musste Else Cohn erleben, wie das Haus am 10. November von der Gestapo von oben bis unten durchsucht und verwüstet wurde. Sogar unter der Kohle im Keller wurden die beiden Männer gesucht, die allerdings glücklicherweise nicht zu Hause waren. Sie bereiteten die Auswanderung der Familien vor. Felix Ochs befand sich in Berlin, sein Schwager Fritz Cohn bereits im Ausland.

Auch auf seinem Weg zur Schule wurde Dieter Hans Zeitzeuge der Ausschreitungen am 9./10. November 1938. Gegenüber der Schule im Oeder Weg gab es eine Filiale der bekannten und beliebten Feinkostkette „Wittwe Hassan“. Zu dieser Zeit gab es nur noch 4 Filialen von einst 37 Geschäften in und um Frankfurt. Die Fensterscheiben des Ladens waren zerschlagen, die Straße übersäht mit Scherben und den herausgeworfenen Lebensmitteln. SA-Männer waren vor dem verwüsteten Laden postiert. Walter Sommers, Sohn des früheren Inhabers der Ladenkette, erinnert sich, dass er aus Hamburg kommen musste, um gemeinsam mit seinem Onkel Ernst Sommer die Schäden, die während des Novemberpogroms angerichtet worden waren, zu beseitigen. Walters Vater Julius Sommer war verhaftet und nach Buchenwald verschleppt worden. (siehe Ron Sommer und Margot Sommer)

Angesichts der sichtbaren Folgen der Ausschreitungen schickte die Schule die Kinder an diesem Tag wieder nach Hause. Auf dem Rückweg kam Dieter Hans noch an einer jüdischen Metzgerei vorbei, die auf dieselbe Weise wie das Wittwe-Hassan-Geschäft verwüstet und wo alles kurz und klein geschlagen war.

Während die Familie vor dem Novemberpogrom noch gehofft hatte, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte, zerstörten die Ausschreitungen am 9./10. November jede Hoffnung auf ein Weiterleben in Deutschland, aber auch auf einen Neuaufbau in einem anderen Land. Die „Reichsfluchtsteuer“ und die „Sühneleistung“, mit denen Juden nicht nur die Schäden des Pogroms auf ihre Kosten beseitigen, sondern noch eine Sondersteuer bezahlen mussten, und insbesondere die „Sicherungsanordnung“, die ihnen die Verfügung über ihr Vermögen versagte, nahm ihnen jede Perspektive für eine berufliche Zukunft in einem anderen Land. Kurz vor dem Novemberpogrom reiste Fritz Cohn nach London, um dort mögliche berufliche Perspektiven zu erkunden und floh Mitte November 1938 von dort nach Johannesburg, wo seine Schwester Gertrud lebte, und später nach Portugiesisch-Ostafrika, dem heuten Mozambik. Aufgrund des riesigen Ansturms auf Visa in die USA nach dem Novemberpogrom war eine direkte Auswanderung nach Amerika nicht möglich. Dank guter Beziehungen gelang es dagegen seinem Schwager Felix Ochs, auf Schweizer Quote rasch in die USA zu gelangen und seine Familie nachzuholen. Die beiden in Frankfurt gebliebenen Frauen hatten alle Hände voll zu tun, alle notwendigen Papiere zu beschaffen, um auf legalem Weg auswandern zu können. Ihre Zwillinge hatten Felix und Martha Ochs bereits 1935 in einem von den Quäkern geführten Kinderheim in Eerde in Holland untergebracht. (siehe (Link zu) Familie Leo)

Die Familie wird auseinandergerissen

So entschloss sich Else Cohn, Ellen und Dieter Hans dank der Unterstützung der Quäker, die sich besonders für die Gruppe der „Mischlinge“ und für Christen jüdischer Herkunft engagierte, mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit zu bringen. Um die Kosten des Kindertransports bezahlen zu können, musste Else Cohn, da sie aufgrund der Sicherungsanordnung nicht mehr frei über ihr Vermögen verfügen konnte, zunächst bei der Dresdner Bank vorsprechen. Die Bank musste wiederum die Devisenstelle um Genehmigung der Überweisung bitten.

Zu dieser Zeit lebte sie bereits mit den beiden Kindern in einer Pension im Kettenhofweg im Frankfurter Westend. Im Februar 1940 konnte Else endlich zusammen mit ihrer Schwiegermutter Bertha Cohn ihrem Mann nach Mozambik folgen. Von dort aus gelangten sie über Brasilien und Trinidad, wo sie vorübergehend interniert wurden, 1941 in die USA.

Bertha Cohn, die eigentlich auch mit in die USA kommen wollte, blieb bei ihrer Tochter Gertrude, die im Januar 1939 Witwe geworden war, in Südafrika. Beide starben dort 1942.

„Hast du Angst gehabt?“ – Kindertransport nach Großbritannien

Am 10. August 1939 war es so weit. Dieter Hans und seine Schwester Ellen verließen mit einem Kindertransport zusammen mit vielen anderen Kindern Frankfurt. Drei Wochen später begann der Zweite Weltkrieg, mit dem die Kindertransporte nach Großbritannien ein Ende fanden. Frank erinnerte sich, dass er auf der Überfahrt mit dem Schiff seekrank wurde.

Felix Weil, der mit demselben Kindertransport nach England kam, war ebenfalls Mitglied der Besuchergruppe 2006. (siehe Biographie von Felix Weil) Da Felix Weil und Frank Correl in ihrem Fragebogen an das Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt den 10. August 1939 als Tag der Abreise angegeben hatten, konnten Mitarbeiterinnen des Projektes die beiden Kindertransportkinder zusammenbringen – mit weitreichenden Folgen. Intensiv tauschten sich die beiden über ihre Erinnerungen an den Kindertransport und ihr weiteres Leben aus und stellten einige Gemeinsamkeiten fest. Sie hatten in Frankfurt keine fünf Minuten voneinander entfernt gelebt. Beide Väter waren in der Textilbranche beschäftigt. Besonders intensiv tauschten sie sich aus über den Abschied von den Angehörigen am Hauptbahnhof. „Hast du Angst gehabt, als du Frankfurt verlassen hast?“, fragte Felix. „Nein“, antwortete Frank, denn die Mutter hatte ihnen versichert, dass sie sich bald wiedersehen würden. So hatte es Felix Weil auch erlebt. Beide hatten sich auf ein interessantes Abenteuer gefreut. Im Unterschied zu Frank hat Felix jedoch seine Eltern und die Schwester Henny nicht wiedergesehen. Zeit seines Lebens quälte Felix ein ungutes Gefühl, dass er sich einerseits gefreut hatte, dem Alptraum entgangen zu sein, andererseits belastete ihn, damals nicht realisiert zu haben, dass er seine nächsten Angehörigen nie wiedersehen konnte, weil sie mit dem ersten Transport im Oktober 1941 nach Lodz deportiert und ermordet wurden. Dennoch wae Felix erleichtert, dass es Frank beim Verlassen ihrer Geburtsstadt ähnlich ergangen war. Für beide waren die Gespräche miteinander von großer Bedeutung. „I treasure meeting Mr. Weil and I consider our conversations one the the highlights of my time in Frankfurt.“

Frank Correl erinnerte sich auch an ein langes Gespräch mit Ruth Barnett, selbst ein Kindertransportkind, die auf Einladung des Projektes Jüdisches Leben nach Frankfurt aus London gekommen war, um eine Gesprächsrunde mit den zahlreichen Kindertransportkindern, die an diesem Besuchsprogramm teilnahmen, zu moderieren.

Da etliche Geschwister gemeinsam Deutschland verlassen hatten, war eine der Fragen in dieser Runde, ob sie auch während ihrer Zeit in England zusammenbleiben konnten. Ellen und Dieter Hans gehörten, wie viele andere auch, zu denjenigen, die voneinander getrennt wurden. Ellen kam zu einem Ehepaar in den Midlands, von dem sie liebevoll aufgenommen wurde. Sie war bis zu deren Tod mit ihnen in Verbindung. In den vier Jahren in England konnte Dieter Hans seine Schwester nur drei Mal sehen. Der 10-Jährige kam zunächst in eine Schule in London. Dort fühlte er sich anfangs isoliert, vor allem, weil sich das Klima gegenüber den Emigranten aus Deutschland mit dem Kriegsbeginn verschlechterte. Kurz darauf wurden viele Kinder, so auch Dieter Hans, wegen der Bedrohung durch die deutsche Luftwaffe auf das Land evakuiert, wo der Junge eine einklassige Dorfschule besuchte. Dort forderte ihn die Lehrerin auf, ein deutsches Lied zu singen. Aber welches? Schließlich sang er das Lied „Ein Hund kam in die Küche“. Ins Schwitzen kam er, als er den Text übersetzen musste – und erntete viel Gelächter. Auch wenn sein Leben weniger stetig war als das seiner Schwester – „Bei mir gab es ein bisschen mehr Zirkus!“ – sei es ihm nicht wirklich schlecht gegangen. Belastet hat ihn jedoch, dass er manchmal länger nichts mehr von seinen Eltern hörte. Die Briefe gingen über das neutrale Portugal. Endlich konnten Dieter Hans und Ellen 1943 gemeinsam in die USA weiterwandern und waren wieder mit ihren Eltern vereint. Nach vier Jahren Trennung und Krieg fühlten sie sich wie im Schlaraffenland.

Erinnern und Gedenken

Nicht alle Mitglieder der Familien Cohn und Kaufmann haben überlebt. „Was ist mir den Schwestern meiner Großmutter passiert?“, fragte Frank Correl in einer seiner Mails. Die Mitglieder des Projektes nahmen Kontakt mit Hans-Peter Klein auf, der in Melsungen, dem Herkunftsort von Bertha Kaufmann, die Geschichte der früheren jüdischen Bewohner erforscht. Franks Schwester Ellen hatte ihm ein Foto der Kaufmann-Schwestern geschickt. Das Bild ist vermutlich nach dem Tod des Vaters David Kaufmann 1926 aufgenommen, möglicherweise am Jahrtag 1927, denn sein Foto ist in der Bildmitte auf dem Tisch zu sehen.

Bislang konnten die Schicksale der sieben Geschwister von Bertha Kaufmann noch nicht vollständig geklärt werden. Selma Strauß starb 1941 in Frankfurt, der Bruder Eduard Kaufmann und seine Frau Paula 1940 und 1941 in Amsterdam. Agnes Dalberg wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie wenige Tage später den Tod fand. Ebenso wurden ihre Tochter Gertrud, ihr Mann Emil Erich Narewczewitz sowie deren Sohn Robert deportiert. Gertrud und Robert überlebten und wanderten nach der Befreiung nach Neuseeland aus, während ihr Mann 1943 in Theresienstadt ums Leben kam. Narewczewitz, ursprünglich Lehrer in Eschwege, war 1935 aus dem staatlichen Schuldienst entlassen worden. Die letzten Jahre unterrichtete er am Philanthropin in Frankfurt.

Bei seinem Besuch in Frankfurt war Frank Correl beeindruckt von der Gedenkwand rund um den alten Friedhof am Börneplatz. Dort fand er nicht nur den Namen von Erich Narewczewitz und Agnes Dalberg, sondern viele andere Namen, die Erinnerungen in ihm wachriefen. „The cemetery wall and its metal signs are an impressive memorial and will not soon slip from memory.“ Mit seinem Sohn Theo, der seinen Vater einige Tage während des Besuchs in Frankfurt begleiten konnte, ging er am letzten Tag, kurz vor dem Rückflug, noch einmal zu der Gedenkwand.

Der kurze Besuch seines Sohnes Theo war für Frank sehr wichtig. Zusammen mit ihm gingen Frank und Hanne noch einmal zu den bedeutungsvollsten Orten in Frankfurt. Hanne hörte Franks Geschichte gleich ein drittes Mal. Dankbar und gerührt spürte Frank die Anteilnahme seines Sohnes am Geburtsort des Vaters. „I was gratified by the intense interest shown by Theo in my childhood days and his many questions.“ Gerne wäre er auch noch einmal mit seinem Sohn Stephen, mit dem er 1987 in seiner Geburtsstadt war, nach Frankfurt gekommen, um auch ihm die Stätten seiner Kindheit und seine neuen Entdeckungen zu zeigen. „Theo´s presence with us for the few days and his great interest in the Frankfurt scene and my childhood memories were very moving for me and a source of great satisfaction.“ (s. 18)

Aus Dieter Hans Cohn wird Frank Correl

Als Ellen und Dieter Hans nach England kamen, war kaum an einen geregelten Schulbesuch zu denken. Häufige Schulwechsel, auch bedingt durch die Kriegssituation, erschwerten die schulische Bildung der Kinder. Erst in den USA konnten sie ihre Ausbildung fortsetzen und, wenn auch mit Verzögerungen, erfolgreich abschließen. Bereits ein Jahr nach ihrer Ankunft in den USA entschlossen sich die Geschwister, ihre Namen zu ändern. Dieter Hans Cohn nannte sich nun Frank Correl, seine Schwester Ellen Correl.

Beiden ist es gelungen, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen. Frank engagierte sich später beruflich in der Entwicklungshilfe, seine Schwester Ellen wurde Mathematik-Professorin.

Den Eltern dagegen fiel die die Eingewöhnung in der neuen Heimat schwerer. 1952 kehrte Fritz Cohn, der zwei Jahre zuvor mit der Firma Wagener & Schlötel einen Vergleich geschlossen hatte, nach Deutschland zurück, um einige Fragen rund um die „Wiedergutmachung“ bzw. Rückerstattung zu klären. Auf dieser Reise in seine frühere Heimat starb der frühere Frankfurter in seinem Urlaubsort Badenweiler plötzlich, möglicherweise, weil die Belastungen für ihn zu groß wurden.

Um alle Formalitäten zu klären, kehrte Frank Correl das erste Mal wieder nach Deutschland zurück und sah die Ruinen der zerstörten Stadt. Vom Römer, dort fand der Abschlussempfang am letzten Abend des Besuchsprogramms statt, stand nur noch die Fassade. Frank erinnerte sich an den wunderbaren Weihnachtsmarkt 1938, den letzten, den er in Frankfurt erlebt hatte.

Mainhattan

50 Jahre später war Frank Correl wieder in Frankfurt, auf Einladung seiner Geburtsstadt. Es wurde eine besondere Reise für ihn. Er fand Vertrautes wieder, Vieles verändert und Manches Überraschende. Schon die Begrüßung in der VIP-Lounge am Flughafen beeindruckte ihn. Auf der Fahrt vom Flughafen betrachtete er erstaunt die neue Skyline der City mit modernen Hochhäusern und bemerkte, dass Frankfurt den Spitznamen Mainhattan mit einem gewissen Stolz trägt.

Das Besuchsprogramm fand statt während der Fußball-WM 2006. So erlebten die Correls mit Erstaunen die Stadt beflaggt mit den Fahnen der unterschiedlichsten Nationen. Sie genossen die internationale Atmosphäre, vor allem am Mainufer: „If the multitude of flags were not enough, the international character of the event was readily seen in the great variety of music and food and drink being offered – regional German specialities, Italian, Brazilian, Spanish, Portuguese, Chinese, Korean, Japanese, Vietnamese, Middle Eastern, and so on.“ Immer wieder zog es sie zum Mainufer. Jeden Spielabend waren sie dort und sogen die bunte Mischung von Geräuschen und Gerüchen auf. „It was a glorious, cacophonous hullabaloo and a great deal of fun!“
Wie international seine Geburtsstadt heute ist, wurde Frank auch bei seinem Gespräch mit Jugendlichen in der Ernst-Reuter-Schule 1 in der Nordweststadt deutlich. Bemerkenswert fand er, dass sich die Schülerinnen und Schüler neben seiner Zeit in Frankfurt besonders für seine Erfahrungen in Großbritannien interessierten und erstaunt darüber waren, in welchem Ausmaß London von der deutschen Luftwaffe bedroht war. Außerdem fiel ihm auf, dass die Jugendlichen besonders die Erzählungen beeindruckten, die anders waren als von ihnen erwartet. Beispielsweise erzählte Frank die Geschichte einer verängstigen Lehrerin, die ihn bei einem Luftangriff auf London anschnauzte: „Why don´t you go back to Germany to your friend Hitler.“ Besonders bewegt waren die Schülerinnen und Schüler von einem Brief, den Frank Correl ihnen vorlas. Es war ein denunzierender Bericht der NSDAP-Ortsgruppe Dornbusch vom 14.11.1938 über den früheren Geschäftspartner seines Vaters, Karl Stier, dem ein zu enger Kontakt mit Juden zum Vorwurf gemacht wurde. Daher sei er nicht geeignet, weiter Reserveoffizier zu sein. Außerdem solle seine Post beobachtet werden. So konnte Frank Correl mit seinen Erfahrungen Schwarz-Weiß-Bildern entgegenwirken.

Gefreut hatte sich Frank über den Besuch seiner Cousins der mütterlichen Linie, die aus Hildesheim kamen, um ihn zu treffen. Ihnen zeigte er nicht nur die Stätten seiner Kindheit in Frankfurt, sondern auch den Taunus, den Feldberg, Nieder- und Oberreifenberg und Königstein mit den eindrucksvollen Burgruinen und Bad Homburg, beliebte Ausflugsziele aus seiner Kindheit. Natürlich durfte ein Besuch in einer typischen Apfelwein-Kneipe nicht fehlen. Der saure Äppelwoi hatte es Frank allerdings weniger angetan. „I definitely prefer the non-alcoholic version.“

Die Erfahrungen, die Frank und Hanne während ihres 14-tägigen Besuchs in Frankfurt gemacht habe, hat viel in ihnen bewegt. Dankbar sind sie der Stadt Frankfurt für die Einladung und Regine Wolfart, die sie vor und während des Besuches unterstützt, Recherchen angestellt und Kontakte vermittelt hatte.

„I am deeply grateful to the city of Frankfurt fort he invitation and the meaningful experiences – mostly happy, but some decidedly somber – that the trip has given to me. It was indeed the trip of a lifetime!“