KURZBIOGRAPHIE

Helene Hertha Katz
Geboren 1909 in Offenbach, gest. ? wird ergänzt
Besuchsprogramm 1986
Besuchte Schule: Philanthropin
1934 Emigration nach Holland mit Ehemann
Siegfried Wohlfahrt, geb. 1904 in Bad Homburg, ermordet in Stutthof am 5.12.1944
Nach der Befreiung aus dem KZ Auswanderung in die USA

Bruder:
Alfred Katz
Geboren 1920 in Frankfurt, gestorben 1993 in St. Louis
Besuchten Schulen: Schwanthalerschule, Holzhausenschule, Musterschule
Berufsausbildung: Lehre bei den Odenwälder Gummiwerken, Anlernwerkstatt
1939 Emigration in die USA

Vater:
Samuel Shmuel Marcus Siegfried Katz
Geboren 1881 in Schwechsa in Litauen, seit 1890 in Frankfurt
Besuchte Schule: Samson-Raphael-Hirsch-Schule

Mutter:
Betty Katz, geb. Nussbaum
Geboren 1886 in Zeitlofs/Unterfranken

Wohnadressen
u.a. Börnstraße 49, zuletzt Goethestraße 2

Geschäft des Vaters
Zigarrenhaus Goethe-Eck


Quellen

  • Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt: Fragebögen von Alfred Katz und Allan Katz
  • Interview mit Helen Waterford in Frankfurt im Mai 1986, Interview: Christa Köhring und Angelika Rieber
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
  • www.joodsmonumentzaanstreek.
    nl/wohlfarth-katz-helene/
  • Interview mit Helen Waterford auf www.collections.ushmm.org
    /search/catalog/irn504730
  • Helen Waterford: Commitment to the Dead, Frederic/USA 1987
  • Interview mit Alfred Katz auf https://hmlc.org/oral-history/fred-katz/
  • Faludia, Christian (Hg.): Die „Juni-Aktion“ 1938. Eine Dokumentation zur Radikalisierung der Judenverfolgung, Campus 2013

Recherche und Text
Angelika Rieber

Familie Katz

Staatenlos

Angelika Rieber

Helen Waterford besuchte 1986 auf Einladung der Stadt Frankfurt ihre frühere Heimat. Während ihr Vater, Samuel Katz, aus Litauen stammte, kam die Mutter aus Zeitlofs in der bayerischen Rhön. Die beiden Kinder des Ehepaars, Helene und Alfred, wurden in Offenbach bzw. in Frankfurt geboren. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gründete Samuel Katz das Zigarrenhaus Goethe-Eck in der Goethestraße, das er 1936 aufgeben musste.

Helene und ihr Mann Siegfried Wohlfahrt lebten zu dieser Zeit bereits in den Niederlanden, während Samuel Katz Deutschland nicht verlassen wollte. Nach seiner Verhaftung im Rahmen der „Juni-Aktion“ 1938 und wochenlanger Internierung in Buchenwald folgte er jedoch im November 1938 seiner Tochter in die Niederlande.

Der 18 jährige Sohn Alfred wurde am 10. November 1938 verhaftet. Nach seiner Freilassung und konnte er mithilfe seiner Schwester nach England fliehen und später zusammen mit den Eltern in die USA auszuwandern. Helene Wohlfahrt und ihr Mann gingen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen und dem Beginn der Deportationen in den Untergrund, wurden jedoch entdeckt und deportiert. Siegfried Wohlfahrt starb in Auschwitz, Helene überlebte in einem Arbeitslager und folgte nach der Befreiung ihren Eltern und dem Bruder nach Amerika.

Litauen trifft Zeitlofs – aus Smuel/Samuel wird Siegfried Katz

Samuel Katz, der Vater von Alfred und Helene, kam ursprünglich aus Litauen. 1881 in Schwecksna geboren, zog Samuel Katz mit seiner Familie 1890 als Neunjähriger nach Frankfurt. Wie viele osteuropäische Juden floh die Familie vor den antisemitischen Pogromen und der Militärpflicht im Zarenreich, war jedoch auch in Deutschland verschiedenen Beschränkungen ausgesetzt. In Frankfurt besuchte Samuel Katz die orthodoxe Samson-Raphael Hirsch-Schule im Ostend der Stadt und wurde später als Kaufmann tätig.

Seine spätere Ehefrau, Betty Nussbaum, stammte aus einer kinderreichen Familie in Zeitlofs in der bayerischen Rhön, „ein kleines Kaff“, so die Tochter. Zusammen mit ihrer älteren Schwester zog Betty Nussbaum nach Frankfurt, wo sie Samuel Katz kennenlernte. Eine Heirat mit einem Ostjuden war für sie und ihre Familie jedoch undenkbar. Fünf Jahre lang warb Samuel um die Gunst seiner Betty, bis sie schließlich einwilligte. Die Ablehnung des Ostjudentums bei den Nussbaums ging sogar so weit, dass der Kontakt zu den Angehörigen von Samuel Katz auf ein Minimum reduziert wurde. Der aus Litauen stammende Kaufmann verbarg seine Herkunft. Er ging sogar soweit, seinen Namen einzudeutschen. Aus Smuel/Samuel wurde Siegfried.

Da in England die Hürden für eine zivile Heirat mit einem Ausländer gering waren, denn dort genügte zur Erfüllung der formalen Kriterien eine Aufenthaltsdauer von drei Tagen, reisten die beiden nach London, wo sie am 25. Juni 1908 getraut wurden. Zur damaligen Zeit war es eigentlich ein unschickliches Unterfangen, unbeaufsichtigt als unverheiratetes Paar zu verreisen. Betty fand es zudem erniedrigend, nach ihrer Rückkehr ständig betonen zu müssen, dass sie jungfräulich zurückgekehrt sei. Besiegelt wurde die Eheschließung wenig später durch die religiöse Trauung mit einem Rabbiner.

Das Ehepaar zog nach Offenbach, wo er in der Einwohnermeldedatei als Samuel Siegfried Katz geführt wurde. 1909 wurde dort die Tochter Helene geboren. Nach dem damaligen Staatsbürgerrecht mussten Ehefrau und Kinder die Staatsangehörigkeit des Mannes annehmen, sie wurden also zu russischen Staatsbürgern, mit weitreichenden Folgen. 1913 zog die Familie nach Frankfurt. Dort lebten sie zunächst in der Nähe des Zoos.

Die sich zuspitzende politische Lage wirkte sich massiv auf das Leben der Familie aus, denn während des Ersten Weltkrieges wurden russische Staatsbürger zu feindlichen Ausländern. Sie wurden registriert und teilweise auch interniert. Siegfried Katz entschloss sich daher, mit seiner Familie unterzutauchen. Glücklicherweise konnten sie im Haus einer der Schwestern von Betty Nussbaum in der Börnestraße unterkommen. Dort lebten sie bis zum Kriegsende. Helene erinnert sich daran, dass ihre Eltern sie nicht haben spüren lassen, in welch schwieriger Lage sich die Familie befand. Eine öffentliche Schule konnte die kleine Helene nicht besuchen, da die Familie nicht offiziell gemeldet war. Das Philanthropin, die liberale jüdische Schule in der Hebelstraße, machte eine Ausnahme und nahm das Mädchen dennoch auf. Eine weitere Herausforderung stellte sich der Familie, als die Tochter diphteriekrank wurde, eine eigentlich meldepflichtige Erkrankung.

Ein „feines Specialgeschäft in Cigarren, Cigaretten und Tabaken“

Das Ende des Krieges beendete auch das Versteckspiel. Ab dem 9.12.1918 war die Familie wieder offiziell gemeldet. Nun gab es aufgrund des Zerfalls des Osmanischen Reiches und des russischen Zarenreichs und der Gründung neuer Staaten in Osteuropa eine neue Herausforderung. Welche Staatsbürgerschaft sollte die Familie annehmen? Die russische oder die litauische? Da Bettys Familie einer osteuropäischen Staatsbürgerschaft negativ gegenüber stand, entschieden sie sich für die Staatenlosigkeit, ein Massenphänomen dieser Zeit.

Mit dem Beginn der neuen Freiheit engagierte sich der Kaufmann im Tabakhandel und gründete ein „feines Specialgeschäft in Cigarren, Cigaretten und Tabaken“, das Zigarrenhaus Goethe-Eck in der Goethestraße 2. Der Name war geschützt, das Zigarrenhaus in Frankfurt und der Umgebung als „eines der feinsten Geschäfte in der Branche bekannt“ (hhsstaw). Dort wohnte die Familie auch seit Ende der 20er Jahre im 5. Stock desselben Hauses. Betty Nussbaum arbeitete im Geschäft ihres Mannes mit, der viel auf Reisen war, da er auch als Vertreter der Cigarren-Firma Feisst in Offenburg tätig war.

1920 wurde der Sohn Alfred in Frankfurt geboren. Damals wohnte die Familie, wie aus der Geburtsurkunde hervorgeht, noch in der Börnestraße. Nach dem Besuch der Schwanthaler- und später der Holzhausenschule wechselte Alfred zur Musterschule. Er erinnerte sich an eine unbeschwerte Kindheit in Frankfurt. Antisemitismus spürte er nicht, wohl aber Vorbehalte gegenüber Ostjuden. In seiner Freizeit engagierte sich Alfred in der Jüdischen Jugendbewegung, zunächst bei den Kameraden und nach deren Teilung bei den Werkleuten, einer sozialistisch orientierten Bewegung. Angesichts des Antisemitismus der Nationalsozialisten wurde sie zunehmend zionistischer und setzte sich für den Aufbau eines neuen Lebens in Palästina ein.

Auch seine Schwester Helene war in der Jugendbewegung aktiv. Nach ihrem Schulabschluss begann sie zu studieren, zum Entsetzen der Mutter, die ihre Tochter gerne gut verheiratet sehen wollte. Daneben arbeitete Helene zunächst als Bürokraft, später gründete sie eine eigene Firma. Bei einem Erholungsaufenthalt auf der Nordseeinsel Norderney lernte Helene ihren späteren Mann Siegfried Wohlfahrt kennen, der, in Bad Homburg geboren, wie sie aus Frankfurt kam. Er stammte, ganz so wie es sich ihre Mutter gewünscht hatte, aus einer orthodoxen bürgerlichen Familie. Siegfried verliebte sich sofort in die junge Frau. Sie zögerte zunächst, aber im Januar 1933 gab sie seinem Werben nach.

Mit ihrer Heirat erhielt Helene die deutsche Staatsbürgerschaft

Dann wurden sie von den politischen Ereignissen überrollt. Siegfried Wohlfahrt verlor seine Stellung als Insolvenzverwalter bei Gericht. Außerdem waren Siegfrieds Eltern nicht mit der Heirat einverstanden, nicht nur, weil sie eine Familiengründung wegen der Arbeitslosigkeit des Sohnes nicht für angemessen hielten, sondern insbesondere wegen der litauischen Abstammung von Helenes Vater. Allen Einwänden zum Trotz heirateten die beiden im Juni 1933 standesamtlich im Frankfurter Römer. Mit der Heirat wurde Helene deutsche Staatsbürgerin. Als Staatenlose hätte sie es viel schwerer gehabt, Deutschland zu verlassen. Nun konnten Siegfried und Helene Wohlfahrt gemeinsam die Auswanderung aus Deutschland planen. Zunächst hatte das frisch getraute Ehepaar vor, nach Frankreich zu emigrieren. Nach einer Reise, bei der sie ihre beruflichen Perspektiven erkunden wollten, kehrten sie jedoch unverrichteter Dinge wieder zurück. Nun bereiteten sie auch die religiöse Trauung vor. Derselbe Rabbiner, der schon die Eltern getraut hatte, brachte nun auch Siegfried und Helene Wohlfahrt unter die Haube. Das Hochzeitsessen fand in kleinem Rahmen statt. Die Schwiegereltern waren nicht eingeladen. Siegfried Katz kommentierte dies so: „Wer meine Tochter nicht möchte, verdient es nicht, zum Essen eingeladen zu werden.“
Durch die Vermittlung eines Freundes gelang dem jungen Paar 1934 die Auswanderung nach Holland. Helene konnte dort zunächst nicht arbeiten, weshalb die Anfangsjahre für sie eine schwierige Zeit waren, in der sie viele Ängste entwickelte. Wiederum durch Freunde konnte sich Helene später selbständig machen und gründete ein Einrichtungshaus. Im Oktober 1937 erfüllte sich der Kinderwunsch des Ehepaars. Ihre Tochter Doris wurde geboren.

Lehre statt Studium

Auch für ihren Bruder Alfred veränderte sich das Leben mit dem Beginn des „Dritten Reiches“. Seine eine Woche nach dem Aprilboykott 1933 stattfindende Bar Mitzwa wurde von diesen Ereignissen überschattet.
Auch in der Musterschule machte Alfred verstörende Erfahrungen. Ein Klassenkamerad und Freund kam eines Tages mit einer Hakenkreuzbinde in die Schule. Dies endete in einer Prügelei und war letztendlich der Auslöser für die Entscheidung der Eltern, ihren Sohn auf eine jüdische Schule zu schicken. So besuchte Alfred Katz für kurze Zeit das Philanthropin. 1934 verließ er die Schule, um eine Lehre zu beginnen, denn ein Studium war unter den gegebenen politischen Bedingungen ausgeschlossen.

Alfred Katz begann im Büro der Odenwälder Gummiwerke zu arbeiten, einer Fabrik, die Fahrradreifen und -schläuche herstellte. Die Fabrikation fand in Sandbach im Odenwald statt, heute zu Breuberg gehörend, die Verwaltung befand sich in Frankfurt in der Mainzer Landstraße 181. Die Besitzer der erfolgreichen Firma, Jacob Strauß und Jakob Hirschberger, waren jüdisch. Da der Betrieb „arisiert“ wurde, konnte Alfred Katz nach Abschluss seiner Lehre nicht länger bei der Firma bleiben. Der Unternehmer Jacob Strauß konnte den Verlust der von ihm aufgebauten Firma nicht verkraften. Zusätzlich drückte der Käufer der Firma, Willy Kaus, nachträglich mehrfach den vereinbarten Kaufpreis. Über sein Vermögen, das bereits 1938 „sichergestellt“ wurde, konnte Jacob Strauß nicht mehr frei verfügen. Nervenzerreißend waren auch die Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt, das den ursprünglichen, jedoch nicht den tatsächlichen Kaufpreis besteuern wollte. Enttäuscht und verbittert nahm sich Jacob Strauß am 13. April 1939 das Leben.

Arisierung des Cigarrenhauses Goethe-Eck

Das Geschäft von Siegfried Katz war ebenso vom zunehmenden Ausschluss von Juden aus dem Wirtschaftsleben betroffen. 1936 musste der Kaufmann das 1918 gegründete Geschäft aufgeben und weit unter Wert verkaufen. Nach der „Arisierung“ des Zigarrenhauses Goethe-Eck war Siegfried Katz noch weiter als Vertreter der Cigarrenfabrik Feisst und der Tabakfabrik Glücksmann in Berlin unterwegs. Ende 1937 musste er auch diese Tätigkeit einstellen, da er als Jude keine Reisetätigkeit mehr ausüben konnte. Dennoch wollte Siegfried Katz Deutschland nicht verlassen. „Ich bin der letzte der zuschließt“, antwortete er, wenn seine Tochter die Eltern dazu bewegen wollte, ihnen nach Holland zu folgen.

Die „Juni-Aktion“ 1938

Monate vor dem Novemberpogrom 1938 gab es bereits mehrere Verhaftungsaktionen mit dem Ziel, Juden zu kriminalisieren und aus Deutschland herauszudrängen. Als „Probe für das Novemberpogrom“ gilt die „Juni-Aktion“ gegen „Kriminelle und Asoziale“. Gezielt sollten vorbestrafte Juden verhaftet werden. Da aber die angestrebte Anzahl von Verhaftungen durch vorbestrafte Juden nicht erreicht werden konnte, nutzten die Behörden die Aktion als Gelegenheit, „alle unliebsamen Elemente, soweit sie auch nur halbwegs in den Rahmen der Aktion fallen, loszuwerden“. (Falludia: 61) 12 000 Männer wurden in Deutschland mit konstruierten Verbrechensvorwürfen wahllos aufgegriffen und ins Revier gebracht (Falludia: 64), so auch Siegfried Katz. Wie aus der Inhaftierungsbescheinigung des Roten Kreuzes hervor geht, war Siegfried Katz vom 14. Juni 1938 bis zum 25. August 1938 in Buchenwald inhaftiert. Als Haftgrund wird dort genannt: „Arbeitsscheu R. (Reich) Jude, Vorbeugungshäftling“. Auf der „Reichsstubenkarte“ war „BV“, also Berufsverbrecher, vermerkt, jedoch wieder gestrichen und durch „ASR“ (Arbeitsscheu Reich) ersetzt worden. Interessanterweise wird in diesem Dokument die Nationalität von Siegfried Katz mit „früher: deutsch“ angegeben.

Über seine traumatisierenden Erfahrungen in Buchenwald konnte Siegfried Katz nicht sprechen. Alfred erinnerte sich, dass sein Vater nicht viel von seiner Haft in Buchenwald erzählte, lediglich, dass er überlebt hatte.

Freigelassen worden war Siegfried Katz unter der Bedingung, das Land auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Seiner Tochter war es gelungen, eine Einreisebewilligung für ihn und ihre Mutter für die Niederlande zu erwirken, jedoch nicht für ihren Bruder Alfred. Die Bemühungen des Tabakhändlers, seine Ausreise vorzubereiten, zeigt der „Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut“, der am 1. November 1938 bei der „Devisenstelle“ einging. Dennoch zögerte Siegfried Katz, denn er wollte das Land, in dem er fast 50 Jahre lang gelebt hatte, eigentlich nicht verlassen.

„… nachdem mich die Gestapo freundlicherweise zum Zug begleitet hat“

Siegfried Katz hatte zwar alle Formalitäten für die Auswanderung vorbereitet, jedoch ersparte ihm dies nicht die vorübergehende Verhaftung am 10. November 1938. Zunächst wurde sein Sohn Alfred, gerade 18-jährig, festgenommen, später auch er. Ein Bewohner des Hauses, ein Zahnarzt, hatte den Stoßtrupp beflissen darauf aufmerksam gemacht, dass im oberen Stockwerk noch eine jüdische Familie wohne. Alfred und Siegfried Katz wurden zu einer Polizeiwache gebracht, anschließend in die Messehalle. Siegfried Katz konnte einem Gestapomann anhand seines Passes zeigen, dass seine Auswanderung bereits vorbereitet war. Der Mann nahm ihn beiseite, begleitete ihn zum Bahnhof, veranlasste ihn, ein Ticket für den nächsten Zug nach Holland zu lösen, kontrollierte, ob Siegfried Katz tatsächlich erschien, und händigte ihm dort seinen Pass aus. Schließlich wies er den Schaffner noch an, Siegfried Katz erst aussteigen zu lassen, wenn die holländische Grenze passiert wäre. In einer Erklärung zu den Vorgängen während des Novemberpogroms schreibt Siegfried Katz leicht ironisch. „Im November 1938 bin ich nach Holland gegangen, nachdem mich die Gestapo freundlicherweise zum Zug begleitet hat.“ So konnte Siegfried Katz sein Leben retten, denn er hätte, so sein Sohn Alfred, einen zweiten KZ-Aufenthalt nicht überlebt.

Alfred Katz wurde zusammen mit den anderen Männern auf Lastwagen verladen und zum Frankfurter Südbahnhof gebracht, von wo aus sie mit einem polizeibewachten Sonderzug nach Weimar fuhren. Insgesamt 3 000 Männer wurden im Rahmen des Novemberpogroms in Frankfurt verhaftet und nach Buchenwald und Dachau gebracht. Alfred Katz erinnert sich, wie entwürdigend alleine der Weg vom Weimarer Bahnhof in das KZ Buchenwald war, wie sie getrieben und geschlagen wurden. Im Lager selbst versuchte er sich nützlich zu machen, half im Hospital oder bei der Essensausgabe. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm, wie unterschiedlich die Häftlinge mit der Situation umgingen. Während die einen Trost im Gebet suchten, waren Alfred und seine Freunde antireligiös und sozialistisch eingestellt.

Viele der Inhaftierten waren Alfred bekannt. Einer seiner Onkels, der im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient hatte, wurde bereits nach zwei Wochen wieder entlassen, Alfred blieb noch weitere sechs Wochen interniert.

Alfreds Schwester hatte in der Zwischenzeit Transitvisa für ihn nach England beschafft, denn dort lebte ein Cousin ihres Mannes. Dieses Visum bewirkte schließlich die Entlassung von Alfred Katz aus Buchenwald am 9. Januar 1939. Ende Januar war es soweit. Er konnte Deutschland verlassen. Da er unsicher war, ob das Visum des British Council aus Frankfurt auch bei der Einreise anerkannt wurde, entschloss sich Alfred Katz zu fliegen. Das erschien ihm sicherer zu sein. Tatsächlich gab es bei der Einreise Probleme. Die Frau des Cousins, die ihn abholen wollte, zeigte sich jedoch hartnäckig und durchsetzungsfähig, so dass ihm schließlich doch die Einreise gewährt wurde.

Betty Katz hatte noch in Frankfurt ausgeharrt, bis ihr Sohn aus dem Lager entlassen wurde und er alles für seine Flucht nach England geregelt hatte. Wenige Tage nach ihm verließ auch sie Deutschland und folgte ihrem Mann nach Holland.

Alfred Katz verbrachte zunächst einige Zeit bei den Verwandten, später in einem Flüchtlingscamp. Dort wartete er auf die Einreisebewilligung für die USA, die ihm umso dringender erschien, da er fürchtete, mit dem Kriegseintritt Englands keine sichere Zukunft in Europa und damit auch nicht in England zu haben.

Am 17. Dezember 1939 war es endlich soweit. Siegfried und Betty Katz verließen den Rotterdamer Hafen auf der SS Volendam. Der Sohn Alfred stieg am folgenden Tag, am 18. Dezember 1939, in Southampton zu. Vorher hatten sich noch Probleme ergeben, da der deutsche Fremdenpass von Siegfried Katz bereits am 22. November 1939 abgelaufen war.

Doch er erhielt einen neuen niederländischen Fremdenpass, in dem seine russische Herkunft ausgewiesen wurde. Offensichtlich war es ihnen gelungen, mit der für sie günstigeren litauischen Quote eine Einreisebewilligung für die USA zu erhalten. Weiterhin sind in dem neuen Pass im Gegensatz zu den deutschen Ausweispapieren die ursprünglichen Vornamen von Siegfried Katz, Markus Schmuel, genannt. Mit der Auswanderung aus Deutschland hatte er wieder seine Geburtsnamen angenommen.
In den USA angekommen, zogen Betty und Markus Katz nach Chicago, wo bereits Verwandte lebten, während sich ihr Sohn in St. Louis niederließ. Markus Smuel Siegfried Katz verstarb 1956 in seiner neuen Heimat, im Alter von 75 Jahren.

Erneut staatenlos

Für Herta, wie Helene während ihrer Zeit in den Niederlanden genannt wurde, endete ihr neu aufgebautes Leben mit dem Überfall der deutschen Armee auf Westeuropa. Wieder wurde Helene Wohlfarth staatenlos, ihr Mann Siegfried verlor erneut seine Arbeit. Herta betätigte sich nun als Übersetzerin für eine Untergrundzeitung. 1939 emigrierten auch Siegfried Wohlfarths Eltern in die Niederlande. Dort starb Victor Wohlfarth wenige Monate nach der Besetzung Hollands am 27. September 1940. Nach dem Tod ihres Mannes zog Betti Wohlfarth zur Familie ihres Sohnes. Verzweifelt bemühte sich die Familie darum zu fliehen. Betti Wohlfarth hielt diesem Druck nicht stand. Sie beging am 7. Dezember 1941 Suizid. In ihrem Abschiedsbrief erklärte die 63-Jährige, sie sei zu alt, um noch einmal ein Leben in einem anderen Land zu beginnen und wolle lieber auf das Geld für das Visum und die Ausreise nach Kuba zugunsten ihres Sohnes und seiner Familie verzichten. Betti und Victor Wohlfarth sind auf dem jüdischen Friedhof in Amsterdam beerdigt. Mit dem Beginn der Deportationen und dem Kriegseintritt der USA war die Hoffnung, aus Europa fliehen zu können, zu Ende.

Am 15. Juli 1942 erhielten die Wohlfarths die Aufforderung zur Deportation. Sie sollten, so die Verlautbarung, in ein Familienlager kommen, weshalb sie dringend aufgefordert wurden, ihre Kinder mitzunehmen. Während ihr Mann der Aufforderung nachkommen wollte, war Herta misstrauisch. So entschlossen sie sich, zunächst Zeit zu gewinnen. Siegfried täuschte eine Blinddarmoperation vor. Seine Frau begann als Köchin in einem Altersheim zu arbeiten. In der Zwischenzeit plante das Ehepaar, mit Hilfe der holländischen Widerstandsbewegung in den Untergrund zu gehen. Da sie ihre Tochter dabei nicht mitnehmen konnten, brachten sie das Kind bei einem christlichen kinderlosen Ehepaar unter. Ein Mittelsmann holte bei seinen regelmäßigen Besuchen bei den Wohlfahrts jedes Mal Spielsachen und Kleidung von Doris ab und brachte sie zu der Pflegefamilie. Damit der Ort des Verstecks geheim blieb, begleiteten Siegfried und Herta Wohlfarth ihre Tochter Doris lediglich zu einer Straßenbahnhaltestelle, von wo aus sie zu ihren Pflegeeltern gebracht wurde. Zu allem Unglück musste sich Herta Wohlfarth noch von einer Nachbarin den Vorwurf gefallen lassen: „Was für eine schlechte Mutter sind Sie? Wie können Sie nur ihr Kind weggeben?“

Mehrfach musste das Ehepaar die Verstecke wechseln, bis es am 25. August 1944 entdeckt und verhaftet wurde. Zu dieser Zeit glaubte es, der Krieg wäre bald vorbei, denn am selben Tag hatten die alliierten Truppen Paris erobert. Zwei Tage lang wurden Herta und Siegfried Wohlfahrt einem Verhör unterzogen, da sich die Gestapo von ihnen Informationen über die Netzwerke von Helfern erhoffte. Anschließend wurde das Ehepaar nach Westerbork gebracht und vier Wochen später nach Auschwitz deportiert. Dort starb Siegfried Wohlfarth am 5. Dezember 1944. Herta Wohlfarth überlebte in einem Arbeitslager in Kratzau in der Tschechoslowakei, wo sie am 9. Mai 1945 von der russischen Armee befreit wurde. Herta kehrte in die Niederlande zurück in der Hoffnung, ihre Tochter dort wiederzufinden. Doris erkannte ihre abgemagerte und vom Lager gezeichnete Mutter zunächst nicht wieder. „Bist du meine Mutter?“, fragte sie die ihr fremd erscheinende Frau. Mit Doris wiedervereint emigrierte Herta Helene Wohlfarth 1947 in die USA, wo der Rest der Familie lebte.

Eigentlich wäre sie lieber in Holland geblieben, doch ihre Eltern hatten den Wunsch, dass die Tochter und die Enkelin zu ihnen kommen. Wenn ihr Mann überlebt hätte, wären sie sicherlich nach Deutschland zurückgekehrt, meinte Helen Waterford bei ihrem Besuch in Frankfurt 1986.

Wir können nicht mit Hass leben

Mit ihrem späteren Mann kehrte Helen Waterford 1961 zum ersten Mal wieder nach Europa zurück und besuchte mit ihm die Niederlande, Auschwitz und Kratzau. Dank der Vermittlung ihres Bruders begann sie 1979 über ihre Erfahrungen während der NS-Zeit zu sprechen. Nur wenig später trat sie gemeinsam mit Alfons Heck auf, einst ein begeisterter Hitlerjunge. Auf Einladung der Stadt Frankfurt kehrte Helen Waterford 1986 in ihre frühere Heimat zurück, eine Reise, die sie mit bitteren aber auch mit angenehmen Gefühlen erlebte. „Irgendwie fühle ich mich hier zu Hause“, sagte sie in ihrem Interview während des Besuches in Frankfurt. Hass empfinde sie nicht. „Wir können nicht mit Hass leben“, so ihre Botschaft.

Ähnlich sah es auch ihr elf Jahre jüngerer Bruder Alfred. Er kehrte das erste Mal als Soldat der amerikanischen Armee wieder nach Deutschland zurück. Nein, er fühle keinen Hass, sagte er in einem Interview, vielleicht manchmal, vor allem am Anfang. Seit 1965 kehrte er mehrmals wieder nach Frankfurt zurück und fand dort neue Freunde. Wenn er jedoch Gleichaltrige oder Ältere traf, fragte er sich immer wieder: „Was hast du wohl gemacht, während der NS-Zeit?“ 1993 hatte er sich für das Besuchsprogramm der Stadt Frankfurt angemeldet, um seine Geburtsstadt wiederzusehen und mit Schülerinnen und Schülern der Musterschule zu sprechen. Leider konnte er aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit nicht mehr kommen und starb im August 1993. Bereits in den 70er Jahren engagierte sich Fred Katz als Zeitzeuge und berichtete über seine Erfahrungen in Deutschland und über den Neuanfang in den USA. In St. Louis gehörte er zu den Mitbegründern des Holocaust Museums, das 1995 eröffnet wurde.

Heute erinnert eine Gedenkinstallation in der Musterschule an die ehemaligen jüdischen Schüler, die die Musterschule in den Jahren 1933 bis 1938 verlassen mussten.