KURZBIOGRAPHIE:

Johanna Sommer, geborene Grünebaum

11.02.1876 in Oberursel – 16.05.1944 in Auschwitz
Verheiratet mit Carl Gershon Sommer
1864 in Sprendlingen – 1927 in Hanau

Wohnsitz in Oberursel, Hanau und Frankfurt

Wohnadressen in Frankfurt: Elkenbachstraße 23, Rohrbachstraße 57 und Sandweg 42

Eltern: Wolf Grünebaum (1842-1920) und Therese Grünebaum, geb. Mainzer (1842-1886)

Geschwister: Adelheid (1871-1944 in Theresienstadt), Jenny (1873), Ferdinand (1878-1922), Ida (1888), Selma (1890) Rosa (1892-1943 in Auschwitz) und Frieda (1898)


Quellen:

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Stadtarchive Oberursel, Hanau, und Osnabrück, Online- Gedenkbuch des Bundesarchivs, Arolsen Archives, Yad Vashem Shoa Victims Names

Angelika Rieber (2015): Haltet mich in gutem Gedenken“. Erinnerung an Oberurseler Opfer des Nationalsozialismus, Oberursel

„Hier ruht eine tüchtige Frau, Krone des Hauses, gottesfürchtig. Lauter und aufrecht“. Der jüdische Friedhof in Oberursel (2020); Hrsg: Angelika Rieber und Lothar Tetzner

Festschrift zum 55jährigen Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr zu Oberursel (1920)

150 Jahre Freiwillige Feuerwehr Oberursel (1865-2015)

Informationen von Familienmitgliedern sowie private Fotos und Dokumente

Zur Rolle der Frankfurter Sparkassen während der NS-Zeit siehe den Beitrag von Professor Dr. Ralf Roth

Text und Recherchen: Angelika Rieber

Johanna Sommer

„… Vorerst werden wir den Betrag von RM 325.- nach Eingang auf dem Konto sperren…“

Angelika Rieber

Johanna Sommer wurde 1876 als dritte Tochter des Oberurseler Viehhändlers Wolf Grünebaum geboren. 1923 heiratete sie Carl Sommer, der vier Jahre später starb. Nach dem Tod des Mannes arbeitete Johanna Sommer wieder als Angestellte, musste jedoch 1933 erneut ihren Beruf aufgeben. 1938 zog sie nach Frankfurt am Main.
Zusammen mit ihrer Schwägerin Lina wurde Johanna Sommer am 15. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort ins Vernichtungslager Auschwitz, wo sie vermutlich am 16. Mai 1944 den Tod fand.

Die sieben Töchter des Oberurselers Wolf Grünebaum

Wolf Grünebaum war kein Unbekannter in Oberursel. Der Viehhändler gehörte zu den Mitbegründern der Freiwilligen Feuerwehr. Eine Festschrift von 1920 würdigt ihn in einer Bildunterschrift als „Gründer, Ehrenmitglied und jetzt noch aktives Mitglied“. In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, wird über Wolf Grünebaums „seltene Ehrung“ berichtet: „Am Sonntag, 3. November 1918 konnte die Freiwillige Feuerwehr eine seltene Ehrung vornehmen. Herr Wolf Grünebaum zählte zu denjenigen, die im Jahre 1865 die Freiwillige Feuerwehr ins Leben riefen. Er war in den 53 Jahren stets ein eifriges und tätiges Mitglied. Stets pflichtgetreu und eingedenk des schönen Spruches ´Alle für Einen, einer für Alle` hat er sowohl bei Übungen als auch, wenn es galt, Hab und Gut gegen das verheerende Element zu schützen, immer seinen Mann gestanden.“
In erster Ehe war Grünebaum mit Therese Mainzer verheiratet. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er Karoline Grünebaum aus Dreieichenhain. Seine Töchter Adelheid (1871), Jenny (1873), Johanna (1876) und der Sohn Ferdinand (1878) entstammten der ersten Ehe, die Töchter Ida (1888), Selma (1890), Rosa (1892) und Frieda (1898) der zweiten Ehe. Wolf Grünebaum starb am 1. November 1920 nach einem erfüllten Leben und nach „mit großer Geduld ertragenem Leid“, so die Todesanzeige. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Oberursel beerdigt.

Wolf Grünebaums einziger Sohn Ferdinand kam als Kriegsverletzter aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Ferdinand Grünebaum heiratete am 18. Februar 1922 Lina Berberich aus Groß-Krotzenburg. Der Ehe war kein langes Glück beschert. Nur wenige Wochen nach der Hochzeit starb der Oberurseler im Alter von 43 Jahren nach der Rückkehr von einer Reise an Lungenentzündung. Lina Grünebaum kehrte nach dem Tod des Mannes wieder nach Groß-Krotzenburg zurück.

Suizid des Ehemanns am Tag der Deportation

Adelheid, genannt Adele, Steigerwald war die älteste Tochter des Oberurseler Viehhändlers.
Sie heiratete den Viehkommissionär Moritz Steigerwald, der bis 1936 zusammen mit seinem Bruder Salomon sowie dessen Sohn Theodor ein Geschäft beim städtischen Schlacht- und Viehhof am Deutschherrnufer in Frankfurt am Main betrieb. Die Geschäfte liefen gut, denn das Unternehmen verkaufte rund 100 bis 200 Kälber in der Woche. Nach dem Tod von Salomon Steigerwald wurde die Schwägerin Mina Teilhaberin im Familienunternehmen. Aufgrund der zunehmenden Diskriminierungen mussten die Inhaber die erfolgreiche Viehhandels-Agentur 1935/36 aufgeben, wie die anderen jüdischen Betriebe am Schlachthof.

Die Steigerwalds wohnten in der Ostendstraße 49 und in den letzten Jahren Im Sachsenlager 20. Adelheid Steigerwald wurde von dort am 18. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Mann verübte nach den vorliegenden Unterlagen am Tag des Transportes Suizid. Ein Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße erinnert an sein Schicksal. Adelheid Steigerwald starb am 16. März 1944 in Theresienstadt.
Zur Erinnerung an Adelheid Steigerwald und ihren Mann Moritz, ebenso wie für ihren Neffen Theodor und dessen Mutter Mina wurden 2013 und 2014 Stolpersteine in Frankfurt verlegt.

„Vorschlag einer neuen Sicherungsanordnung“ – Johanna Sommer, geborene Grünebaum

Adelheids jüngere Schwester Johanna, geboren 1876, wurde ebenfalls Opfer der Shoa. Die Oberurselerin heiratete am 17. Januar 1923 in Hanau Carl (Gerschon) Sommer. Ihr Mann stammte aus Sprendlingen und war langjähriger Mitarbeiter der Hanauer Firma Mainzer & Bruchfeld. Die Ehe blieb kinderlos. Nach nur vier Jahren Ehe starb Carl Sommer 1927 in Hanau. Er ist auf dem dortigen jüdischen Friedhof beerdigt.
Nach dem Tod des Mannes arbeitete Johanna Sommer wieder als Angestellte, musste jedoch 1933 erneut ihren Beruf aufgeben, wie sie der „Devisenstelle“ mitteilte. Ab 1936 bezog sie eine kleine Rente. Bevor sie 1938 nach Frankfurt am Main zog, lebte sie laut Hanauer Adressbuch mit ihrer Schwägerin Lina Sommer zusammen.
Im September 1938 entschloss sich die Witwe nach Frankfurt zu ziehen, wo auch ihre Schwester Adelheid Steigerwald lebte. Dort wohnte sie unter wechselnden Adressen, in der Elkenbachstraße, der Rohrbachstraße und zuletzt im Sandweg 42 im Frankfurter Ostend.

Interessant ist der Schriftwechsel von Johanna Sommer mit der „Devisenstelle“. Diese Institution war ursprünglich nach der Weltwirtschaftskrise eingerichtet worden, um Kapitalflucht ins Ausland zu verhindern. Nun dienten diese „Devisenstellen“ als Instrument zur systematischen Beraubung der jüdischen Bevölkerung. Nach einer Verordnung vom 26. April 1938 musste die jüdische Bevölkerung Geldguthaben und andere Werte mit einer „Vermögenserklärung“ offenlegen. Auf dieser Grundlage wurden von den „Devisenstellen“ sogenannte „Sicherungskonten“ angelegt, über die die Betroffenen nicht mehr frei verfügen konnten. Nach der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 wurde schließlich auf dieser Grundlage das Vermögen der „im Ausland befindlichen“ Juden, zu denen auch die Deportierten gezählt wurden, „zugunsten des Reiches eingezogen“.

Da Johanna Sommer nur eine kleine Rente aus der Angestelltenversicherung in Höhe von monatlich RM 93,10 bezog, die sie zudem noch versteuern musste, erübrigte sich eine solche „Sicherungsanordnung“. Am 10. März 1941 machte sie das Finanzamt auf ihr geringes Einkommen aufmerksam und bat darum, dies zu berücksichtigen.

Als sie jedoch, vermutlich in Not, Möbel verkaufte und den Erlös von 325 Mark auf ihr Konto einzahlte, wurde die Bank, die Stadtsparkasse, eilfertig sofort aktiv und richtete am 15. Oktober 1941 einen „Vorschlag einer neuen Sicherungsanordnung“ an die Oberfinanzdirektion „Devisenstelle S“ in der Goethestraße 9 in Frankfurt am Main:
„Die jüdische Witwe Johanna Sommer, geborene Grünebaum, Frankfurt am Main, Rohrbachstraße Nr. 57, pt. lks. hat mit behördlicher Genehmigung Möbelstücke ihrer Wohnungseinrichtung verkauft. Der RM 325.- ausmachende Erlös derselben soll auf das seither noch nicht gesicherte, bei unserer Zweigstelle Friedberger Landstraße geführte Sparkonto Nr. 11317 der Vorgenannten eingezahlt werden.

Es handelt sich hier nur um ein kleines Konto mit einem Einlagenbestand von RM 766,30. Da der Veräußerungsgegenwert der Möbelstücke für „Sperrkonto“ bestimmt ist, eine Sicherungsanordnung aber bislang nicht vorliegt, geben wir Ihnen von dieser Angelegenheit hiermit Kenntnis mit der Anheimnahme, gegen die Kontoinhaberin eine Sicherungsanordnung zu erlassen, sofern dies für erforderlich erscheint. Vorerst werden wir den Betrag von RM 325.- nach Eingang auf dem Konto sperren…“

„beschränkt verfügbares Sicherungskonto“

Die „Devisenstelle“ folgte dem Vorschlag der Bank. Johanna Sommer wurde am 30. Oktober 1941 zur Einrichtung eines „beschränkt verfügbaren Sicherungskontos“ verpflichtet.
Die Bank bestätigte, sie habe am 20. Oktober 1941 ein solches „Sicherungskonto“ eröffnet.

Monatlich wurden Johanna Sommer nun laut Mitteilung der „Devisenstelle“ 160 Reichsmark als „Freibetrag“ aus ihrem eigenen Vermögen zugebilligt. Eine Kopie des an sie gerichteten Schreibens ging an die Stadtsparkasse, Hauptzweigstelle Friedberger Landstraße 122.
Zusammen mit ihrer Schwägerin Lina Sommer musste sie erneut umziehen in ein sogenanntes Ghettohaus im Sandweg 32.
Johanna und Lina Sommer wurden am 15. September 1942 mit dem Transport XII/3 nach Theresienstadt „ausgesiedelt“, wie in einem Brief des Finanzamtes vom 22. Oktober 1942 formuliert.

Wenige Tage später, am 26. September 1942, meldete die Stadtsparkasse der „Devisenstelle“ den „Ausgleich“ des „Sicherungskontos“:
„Aufgrund Ihrer mit Rundschreiben vom 29.8.42 bekanntgegebenen Allgemeinen Genehmigung überweisen wir das RM 800.- ausmachende Restguthaben des Sicherungskontos Nr. 11317 der Jüdin Johanna Sara Sommer, Wwe., Ffm, Sandweg 32 (laut uns vorliegendem, mit staatspolizeilichem Vermerk versehenen Auftrag der Vorgenannten) auf das Sonderkonto H 306180 der Jüdischen Kultusvereinigung Jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main E.V. bei der Deutschen Bank in Frankfurt a.M., Depositenkasse Zeil. Das Sicherungskonto ist hiermit ausgeglichen.“

Was wie ein rechtmäßiger Vorgang erscheint, ist in Wahrheit die systematische Beraubung der Deportierten, an der nicht nur die „Devisenstelle“ beteiligt war, sondern durch die Unterstützung der Sparkassen und Banken erst ermöglicht wurde.

(Zur Rolle der Frankfurter Sparkassen während der NS-Zeit siehe den Beitrag von Prof. Dr. Ralf Roth)

Vom Ghetto Theresienstadt aus wurde Johanna Sommer am 16. Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Ihr Schicksal ist unbekannt. Möglicherweise wurde sie sofort nach Ankunft in Auschwitz ermordet. Ihre Schwägerin Lina Sommer starb acht Monate nach der Deportation, am 24. Mai 1943, in Theresienstadt.

Scheidungsdruck

Vier Schwestern von Johanna Sommer Frieda, Jenny, Rosa und Selma) lebten in sogenannter „Mischehe“, zwei von ihnen hatten christliche Gastwirte geheiratet: Selma und Rosa. Die Schwestern mussten während der NS-Zeit zahlreiche Diskriminierungen und Erniedrigungen erleben. Drei von ihnen überlebten die NS-Zeit. Einerseits spielte dabei eine Rolle, dass in ihren Wohnorten keine ähnlich radikale Politik gegenüber den jüdischen „Mischehepartnern“ herrschte wie im Gau Frankfurt am Main. Zum anderen hielten ihre Ehemänner dem Scheidungsdruck, dem sie ausgesetzt waren, stand. Dennoch drohte ihnen im Januar/Februar 1945 der „Arbeitseinsatz“ in Theresienstadt. Vor diesem „Arbeitseinsatz“ meldete sie sich krank, mit Erfolg. „Die G. wurde gem. Erl. d. RSHA vom 19.1.45 nicht zum geschlossenen Arbeitseinsatz gebracht, weil sie nach amtsärztlichen Gutachten nicht arbeitsfähig ist“, so die knappe Meldung auf der Gestapo-Karteikarte. Ihre Schwestern konnten ebenfalls den Abtransport durch Krankmeldungen verhindern.

Heimlich hat er sich nachts ins Haus seiner Frau geschlichen

Dagegen gelang es der Schwester Rosa nicht, die NS-Zeit zu überleben. Sie hatte 1920 den Gastwirt Bernhard Thörner geheiratet und lebte mit ihm in Osnabrück. Bernhard Thoerner war katholisch, seine Frau anfangs Mitglied der Synagogengemeinde. Später ließ sich Rosa taufen und änderte ihren Namen in Hilde.
Der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft wirkte sich massiv auf das Leben des Ehepaars aus. In der Gaststätte von Bernhard Thörner ging die örtliche Nazi-Prominenz ein und aus und setzte den Gastwirt massiv unter Druck. „Judenhure“ wurde die Großmutter laut Zeitzeugenaussagen genannt. Um seine Existenz und das Leben seines Sohnes zu retten, ließ sich Bernhard Thörner zwar scheiden, sorgte jedoch weiter für seine Frau. Heimlich habe er sich nachts ins Haus seiner Frau geschlichen, um sie möglichst unbemerkt besuchen zu können, erfuhr der Enkel von Zeitzeugen.

Zwar konnte Bernhard Thörner seiner Frau wenigstens in begrenztem Umfang zur Seite stehen, retten konnte er sie damit nicht. Nach Informationen des Bundesarchivs wurde Rosa Thörner nach Theresienstadt deportiert und von dort nach Auschwitz. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt. Laut Angaben von Yad Vashem starb die gebürtige Oberurselerin am 3. Juli 1943 in Auschwitz. Seine Frau sei an plötzlichem Herzversagen gestorben, so die Nachricht an Bernhard Thörner.

Die unverheiratete Schwester Ida Grünebaum konnte dagegen dem Holocaust entkommen. Sie floh nach Belgien, wo sie im Untergrund überlebte. Später kehrte sie nach Düsseldorf zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1972 lebte und arbeitete.