KURZBIOGRAPHIE

Herta Wolf geb. Traub geb. 20.12.1907 in Frankfurt am Main, gest.

Karl Siegfried Wolf geb. 15.09.1905 in Bosen, gest.

Hermann Traub geb. 3.06.1876 in Schwebheim, gest. 25.11.1941 in Kaunas

Betty Traub geb. Stern geb. 21.05.1879 in Windecken, gest. 25.11.1941 in Kaunas

Carol Pinker geb. Wolf geb. 23.03.1943, wollte am Besuchsprogramm 2020 teilnehmen; lebt in Dallas, Texas, USA


Quellen

HHStAW; Korrespondenz mit Carol Pinker; Kingreen, Monica: Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenberg, Wuppertal 1994.

Fotos

Carol Pinker Collection. Frank and Helen Risch Family Library & Archives. Dallas Holocaust and Human Rights Museum.

HHStAW

Andreas Zies, private Fotos

Text und Recherche

Andreas Zies

Herta und Karl Wolf

Die Kinder der Verfolgten, der Ausgewanderten, der Deportierten fühlten sich wurzellos. Sie haben eine Geschichte, sie haben ein Land – ihre Wurzeln haben sie nun geschlagen.

von Andreas Zies

Carol Pinkers Eltern mussten aus Frankfurt, der Stadt, in der Herta und Karl Wolf ihren Lebensmittelpunkt meinten gefunden zu haben, fliehen. Die Großeltern und weite Teile der Verwandtschaft blieben in Deutschland zurück. Sie wurden in den Vernichtungslagern im Osten Europas ermordet. Carol Pinker wuchs in einer deutsch-jüdischen Community in New York auf. Als Kind von Verfolgten fühlte sie sich zunächst wurzellos, ist heute in ihrer Heimat aber verwurzelter denn je. Die eigene Vergangenheit diskutierten die Eltern nie.

Frankfurter Mädchen

Frau Carol Pinker hatte eigentlich vor, 2020 die Geburtsstadt ihrer Mutter Herta Sophie Traub zu besuchen und auf Spurensuche ihrer Familie zu gehen. Ihre Mutter war, wie Frankfurter es sagen würden, „`n eschtes Frankforder Mädsche” und ihr Vater, Karl Siegfried Wolf, „`n Eingeplaggte” – ein von außerhalb Zugezogener also.

Carol selbst lebt heute in Dallas, Texas, USA. Sie ist pensionierte Lehrerin und arbeitet weiterhin am Dallas Holocaust and Human Rights Museum. Die Corona-Pandemie hat ihren Besuch in Frankfurt leider vorerst verhindert. Zuvor war sie schon dreimal in Frankfurt bzw. Deutschland gewesen. Zuerst 1960 zusammen mit ihren Eltern, 1991 mit ihrer Mutter und 2015 zusammen mit ihrer Tochter Dana.
Carols Mutter Herta, 1907 geboren, war das einzige Kind ihrer Eltern. Sie lebte mit ihren Eltern im Frankfurter Nordend, in der Koselstraße 49. Die Adresse liegt zwischen Eckenheimer Landstraße und Friedberger Landstraße, zwei Straßenzüge nördlich der Haltestelle Musterschule der Linie U5. Heute würde man sagen – eine äußerst begehrte Wohnlage und für eine Familie eigentlich nicht zu bezahlen. Das Haus mit der Nummer 49 liegt an der Ecke zur Weberstraße. Unten im Erdgeschoss befindet sich ein Ladenlokal, das heute „Betina`s Obst- und Gemüseladen“ ist. Hier betrieben die Großeltern von Carol Pinker eine gut gehende Metzgerei. Carols Großvater, Hermann Traub, hatte die Metzgerei 1903 von einem gewissen Samuel Fleischmann übernommen. Seine Metzgerei lief gut. Es war ein alteingeführtes Geschäft mit viel Stammkundschaft. Sowohl Hertas Mutter als auch Herta selbst halfen im Laden mit. Der Vater beschäftigte außerdem immer ein bis zwei Metzgerburschen.

Wurzeln

Ursprünglich stammte Herta Traubs Mutter Betti aus Windecken, einem Dorf in der Wetterau, das zur Gemeinde Nidderau zählt. Betti Stern, Hertas Mutter, hatte vier Geschwister und war die Tochter von Moses und Therese.

In der Ostheimer Straße 8 in Windecken betrieben sie ein Kolonialwarengeschäft – und das schon in der dritten Generation. Hermann Traub stammte aus Schwebheim, einem Dorf im Landkreis Schweinfurt, in Unterfranken.

Karl Siegfried Wolf, Hertas späterer Mann, stammte aus Bosen im Saarland. Bosen eine kleine Gemeinde, gehört heute zur Verbundgemeinde Nohfelden. Aus diesem ländlich geprägten Raum zog es Karl Siegfried Wolf dann schließlich nach Frankfurt.

Er wurde 1905 geboren und machte nach seiner schulischen Ausbildung eine kaufmännische Ausbildung bei der Firma L.W. Levy Seidenstoffe und Bänder, einem Vertrieb für Stoffe. Die Adresse seiner Firma war die Kaiserstraße 1. Mit Beginn seiner Berufsausbildung spielte sich sein Leben mitten in der Frankfurter Innenstadt ab, auch wenn er später, wie er selbst angab, als Stadtreisender tätig war. Sein Verdienst setzte sich aus einem Festgehalt und einer Provision zusammen. Ab 1928 war er dann bei der Firma Selesky, der Nachfolgegesellschaft der Firma Levy, beschäftigt. Zwischen den Jahren 1932 und 1938 arbeitet Wolf dann für die Firma L. Oppenheimer & Co., für die er Norddeutschland, Ostdeutschland und die Tschechoslowakei bereiste. Er wird als besonders fleißig und gewissenhaft beschrieben. und war zumeist etwa sechs Monate im Jahr als Handlungsreisender für die Firma unterwegs.

Carol Pinker sagt, ihre Eltern hätten bis 1935 ein wundervolles Leben in Frankfurt gehabt. Das Ehepaar Wolf hatte sich in den früher 30er Jahren kennen gelernt und verlobten sich bald. Doch Herta erkrankte an Scharlach, sodass die beiden erst am 16. Februar 1935 heiraten konnten

Carol Pinker ist 1943 in den USA geboren. Ihre Eltern waren ehemalige Frankfurter Juden, deren, wie sie sagten, wunderbares Leben sich ab 1933 komplett veränderte und für sie die Flucht in die USA bedeutete, wo Carol Pinker schließlich geboren wurde. Carol wuchs in einer deutsch-jüdischen Community auf, die über die Vergangenheit schwieg. Doch waren die Hinweise, die Äußerungen über diese Vergangenheit und das Fehlen von Großeltern und der erweiterten Verwandtschaft immer präsent. Heute lebt Carol Pinker in Dallas, Texas. Carol Pinker hätte dieses Frühjahr auf Einladung der Stadt nach Frankfurt kommen sollen. Die Stadt Frankfurt lädt jedes Jahr ehemalige jüdische Bürger und deren Nachkommen ein, um die Beziehung zur Stadt und der ehemaligen Heimat aufrecht zu erhalten.

Ausgrenzung

Das Geschäft von Hertas Eltern hatte in den ersten ein bis zwei Jahren erhebliche Einbußen durch die Nationalsozialisten zu verzeichnen.

Die Einkünfte der Familie gingen durch die nationalsozialistischen Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte deutlich zurück. Auch wenn in den Frankfurter Adressbüchern von 1936 Herman Traub noch als Metzger aufgeführt ist, war sein Geschäft, wie Herta Wolf es sagte, so gut wie tot.

Karl gab an, seine Frau Herta wäre nach dem Novemberpogrom 1938 nach England geflüchtet und er, Karl, war am 11. November 1938 von der Gestapo verhaftet und in der Nacht zum 12. November nach Buchenwald bei Weimar in das dortige Konzentrationslager transportiert und interniert worden. Karl Wolf war in dem Transport vom 11. auf den 12. November von Frankfurt nach Buchenwald. Unter den Gefangenen herrschte eine große Ungewissheit. Während der Zugfahrt schikanierte man sie, z.B. durch Turnübungen bis zur Erschöpfung. Die Wächter ließen erst nach, wenn sie gelangweilt waren. Man zwang sie dazu, Nazi-Lieder zu singen, in welchen die Behandlung der Juden besungen wurde. In Weimar angekommen, wurden sie von bewaffneten SS-Leuten empfangen und beschimpft, die sie mit Säbeln, Peitschen und Gewehrkolben, auch auf den Kopf und ins Gesicht schlugen. Sie wurden die Treppe des Bahnsteigs hinuntergetrieben

Die in Frankfurt verhafteten Männer gehörten zu den so genannten „Aktionsjuden“, eine Bezeichnung der Nazis für die in dieser Verhaftungswelle inhaftierten Menschen im Zuge des Novemberporgroms. Die Bezeichnung „Aktionsjuden“ leitet sich womöglich von der Bezeichnung Aktion Rath ab, die die Nazis u.a. auch für die Novemberpogrome benutzten. Ernst Eduard von Rath war am 7. November von Herschel Grynszpan, einem polnischen Juden, in Paris ermordet worden. Das Attentat bot den Nationalsozialisten Anlass, gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen. In Frankfurt hatte man während des Pogroms wahllos Männer, ob alt oder jung, und Frauen verhaftet und in die Festhalle gebracht, insgesamt ca. 1000 Personen. Karl Wolf, Carol Pinkers Vater, war auch unter ihnen. Sie blieben dort bis zum Freitagnachmittag des 11. November. Dann entließ man die Frauen und Männer über 60 Jahre. Schon in der Festhalle wurden die Frankfurter Juden von den SS-Männern physisch und psychisch gedemütigt. „Das Wandern ist des Müllers Lust“ mussten sie bspw. wie ein Wurm auf dem Boden kriechend singen. Orthodoxen Juden schnitten die Nazis die Bart- und Kopfhaare. Die für das KZ bestimmten Männer verbrachte man in Bussen zum Südbahnhof. Vor Ort wurden sie von Zivilpersonen schon erwartet und in der Folge beschimpft, bevor sie in den Zug in Richtung Weimar stiegen.

Emigration

Am 15. Dezember wurde Karl Wolf aus Buchenwald entlassen und flüchtete direkt nach Frankreich, wo schon seine Schwester mit ihrer Familie lebte und dann anschließend zu seiner Frau nach England. Betti und Hermann Traub blieben in Frankfurt zurück, genauso wie die Eltern von Karl Wolf, Siegmund und Thekla, in Bosen.

Alle Großeltern von Carol Pinker starben bzw. wurden umgebracht im Osten Europas umgebracht. Betti und Hermann Traub deportierte man im November 1941 nach Kauen / Kowno in Litauen, wo sie wenige Tage nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Die Eltern von Karl Wolf, Sigmund und Thekla Wolf, starben in Theresienstadt.

Bei den Wolfs hatten die Nationalsozialisten ihr Ziel erreicht und sie mit der Verhaftung Karls zur Emigration genötigt. Viele der zwischen dem 10. und 16. November 1938 ca. 30.000 vor allem männlichen, jüdischen Bürger verließen nach ihrer Entlassung Deutschland für immer.

Es ist nicht ganz geklärt, wer von beiden, Herta oder Karl Wolf zuerst die Reise nach England angetreten hatte. Carol Pinker sagt, ihrer Kenntnis nach sei der Vater nach seiner Entlassung aus Buchenwald als Vorhut nach England gefahren, während ihre Mutter zurückblieb, um den Hausstand aufzulösen und nach den Niederlanden zu versenden, damit dieser dann, sobald sie die Visa erhielten auch in die USA verschifft werden konnte. Sicher ist, dass das Ehepaar Wolf nach den Pogromen 1938 und der Verhaftung Karl Wolfs die Notwendigkeit sah, schnellstmöglich Deutschland zu verlassen und zunächst nach England zu gehen, um dann 1940 von dort aus die Schiffspassage nach New York anzutreten.

Herta und Karl Wolf bauten sich in den USA ein neues Leben auf. Die Verfolgung in ihrem eigenen Land thematisierten sie gegenüber ihrer Tochter nicht. Herta liebte das Leben, hatte ein wunderbares Leben. Doch trug sie tagtäglich ihren Kummer über die Vergangenheit mit sich herum. „Alle meine Großeltern waren ohne ihre Kinder in Deutschland zurückgeblieben: die Schuldgefühle müssen unvorstellbar gewesen sein“, so Carol Pinker. Weiter sagt sie: „Ich bin sicher, es war für meine Eltern zu schmerzhaft, über ihre Eltern und Familiengeschichten zu erzählen.“

Wurzeln schlagen

Carol Pinker hätte dieses Jahr gerne nochmal Frankfurt gesehen, den Ort an dem ihre Eltern planten zu leben und an dem sie sich zu Hause fühlten, wo ihre Mutter geboren wurde. Über sich selbst und anderen, deren Familien von den Nazis verfolgt wurden und zur Emigration bzw. Flucht gezwungen, sagt Carol Pinker: „Die Kinder der Verfolgten, der Ausgewanderten, der Deportierten fühlten sich wurzellos. Ihre Wurzeln haben sie jetzt hier geschlagen.“ Ihre Familien sind gewachsen und tief eingebunden, beruflich als auch in die jüdische Gemeinschaft, in das Land, in dem sie jetzt leben. Carol Pinker sagt, dass sie an diesem Prozess gewachsen sei. Es seien Erfahrungen, die sie gemacht habe und andere nicht.